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Online-Comics

Blickführung und virtuelle Lupe

Den Übergang von der Bild- zur Ueberflaeche hat der Comic auf seine eigene Weise vollzogen. Als legitimes Kind der Massenmedien ist der moderne Comic immer schon ein Bildflächenmedium und nimmt gewissermaßen die graphischen Displays vorweg. Die bedruckten Oberflächen, Heft- oder Zeitungsseiten, haben nur indirekten Einfluß auf den Inhalt. Wenn wir ihn aber unabhängig von seiner Oberfläche betrachten, was ist ein Comic dann?

Comics sind Erzählungen, deren kennzeichnendes formales Element räumlich angeordnete, zeitlich zu entziffernde (sequentielle) Bilder sind. Text erscheint, soweit vorhanden, als Teil der Bilder mit ergänzender oder erläuternder Funktion, ist für die Definition aber nicht notwendig.

Der umfassende (sinnliche) Charakter der Darstellung in Bildern mit Vorder- und Hintergrund versetzt den Leser mehr als Fließtexte in eine eigene, vorgeblich geschlossene Welt. Comics spielen in einer Comic-Welt und negieren, selbst wenn es realistische Geschichten sind, die Außenwelt. Sie brauchen diese nicht, denn statt sie zu spiegeln, schaffen sie eine ebenso konkrete Welt aus ihren Darstellungselementen. Besonders Serien und Genrecomics, die auf Axiome anderer Geschichten zurückgreifen, verstärken den Pseudorealismus des In-der-Comicwelt-Seins.

Trotzdem ist der Comic kein Bildmedium wie die Malerei, sondern eine Erzählform, denn die Bilder sind zugleich Schriftzeichen bzw. Kombinationen von mehreren, aufeinander bezogenen Zeichen (ohne dabei ihre Identität als Bilder aufzugeben, das unterscheidet sie von "richtigen" Schriftzeichen). Die nicht-linearen Informationsträger werden beim Lesen in lineare Informationen "übersetzt". Diese Lesetechnik erfordert einige Übung, da sie die überlieferte Trennung von Bild und Text aufhebt.

Die Erzählung entfaltet sich als Rückkopplung zwischen Blick und Erblicktem. Der "geneigte Leser" erschafft die Geschichte im Kopf, gleicht sie aber mit jedem neuen Bild ab. Der Teil der Bildfläche, der graphisch am unwichtigsten erscheint, wird zur Projektionsfläche dieser Erzählung: Das Layout, besonders das elementarste Layoutelement: der Bild-zwischen-raum. Beim Lesen über diesen leeren (also bedeutungsoffenen) Raum hinweg imaginiert der Leser die Bewegung, die von Bild zu Bild stattgefunden haben muß. Es ist diese Blickführung durch das Layout, die den Ueberflaechigen Charakter des Comic kennzeichnet: Im Vorbeigucken manifestiert sich Sinn und wird als Geschichte lesbar.

Der Online-Comic verdeutlicht diesen Charakter. Er verlegt die Beziehung zwischen Layout (Anweisung) und Blick (Anwendung) weitgehend auf die technische Bildfläche. Besonders deutlich wird das bei der "infinite canvas" (frei übersetzt: unbegrenzte Bildfläche), wie der Comicautor und -theoretiker Scott McCloud die direkt als Web-Layout codierte Comicseite bezeichnet. Hier geht die Seite so weit über das Browserfenster hinaus, wie es die Geschichte erfordert. Das Fenster wird von einer Funktion der Darstellung zu einer des BIicks, einer Art Lupe, die über die Scrollbalken zu bedienen ist. Die Bildfläche wird zugleich entgrenzt und aufgelöst: sie erscheint als potentiell unendliche Fläche, obwohl sie nie als Ganzes zu sehen ist. "Verwirklicht" ist immer nur der Teil im Browserfenster, der Rest muß nicht einmal geladen worden sein und gehört doch dazu: Das Nebeneinander der Darstellung wird zwar technisch vom Nacheinander der Rezeption getrennt, bedingt dieses aber immer noch. So wird die Flächigkeit auch dann gegen die Begrenzungen der Bildschirmdarstellung behauptet, wenn sie selber nur simuliert ist.

 

Christian "Max" Vähling

24. August 2004