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Haut und Lack als Ueberflaeche?

Die Omnipräsenz des Bild-Schirms markiert nur einen Umschlagpunkt in der sozialen Verbreitung und Wirkung des technisch erzeugten Bildes: die Idee der Ueberflaeche und die kollektive Erfahrung ihrer Existenz. Der vom Bild-Schirm erzeugte Wahrnehmungssog führt dazu, dass im Alltag immer mehr Oberflächen in der Wahrnehmung als Ueberflaechen erscheinen.

Eplizite Ueberflaeche der menschlichen Beziehungen ist das Gesicht (hier besser: das Antlitz, weil ,Gesicht' gleichzeitig den aktiven Sinn benennt, der hier nicht gemeint ist). Implizite Ueberflaeche ist hingegen, zumindest in der Moderne, die (Haut-)Oberfläche des weiblichen Körpers.

Die menschliche Körperoberflächen (Gesicht, Haut allgemein) sind ueberflaechig, weil alle sozial-kommunikativen Bedeutungen in ihnen, nicht unter oder hinter ihnen liegen. Als Ueberflaechen erscheinen sie also, weil wir uns unter/hinter ihnen nichts vorstellen können oder nichts vorstellen wollen - etwa weil die Vorstellung unerträglich wäre. Antlitz und Haut sind Projekts- und Spiegelfläche mit beliebigen Bedeutungen, die der Blick des Anderen ihnen zuweist.

Schwarze Lackoberflächen sind Ausdruck des menschlichen Wunsches, sich mit Ueberflaechen zu umgeben. Die Lackoberfläche ist dabei nicht wirklich Ueberflaeche, sondern nur deren wunschtraumhafter Reflex, der Schatten der Ueberflaeche. Aufgrund ihrer semi-reflektierenden Qualität liefern sie dem Betrachter die Andeutung des Bildes, richtiger die An-Deutung des Ab-Bildes. Dies gilt für Möbel und Gebrauchsgegenständen, insbesondere aber für Lackkleidung. Lack auf Haut erzeugt eine Paradoxie: Unter der Ueberflaeche liegt eine zweite Ueberflaeche, die sich als solche aber nur um den Preis der Zerstörung der ersten zu konstituieren vermag. Der Lack steht deshalb auch für den Traum vom Bild im Bild, die Idee vom Symbol hinter dem Symbol.

 

Michael Schetsche

1. August 2004