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Theoretische Bestimmungen:

Oberfläche, Bildfläche, Ueberflaeche

1. Oberfläche wird zur Bildfläche, wenn das, was ,unter' oder ,hinter' ihr liegt, nichts mehr be-deutet.

2. Während die Oberfläche für die äußere (materielle) Welt selbst steht, symbolisiert die (technische) Bildfläche deren Neuschöpfung in und aus der Sphäre des Virtuellen.

3. Die technische Bildfläche (etwa der Bild-Schirm) besitzt keine eigene Tiefenstruktur, kann aber beliebige Tiefenstrukturen simulieren. Das heißt: Sie ist alle möglichen Tiefenstrukturen. Dies macht sie zur idealen Emanation der Ueberflaeche.

4. Die Oberfläche ist bestimmend für die Ordnung des Materiellen (der Produktion), die Bildfläche hingegen für die Ordnung des Symbolischen (der Simulation). Letztere findet Ihren vollendeten Ausdruck in der Ueberflaeche.

5. Der Anspruch der technischen Bildfläche ist es, jeden sinnhaften Raum jenseits von sich zu negieren oder zu eliminieren Der Bild-Schirm realisiert gleichermaßen Traum wie Alptraum der absoluten Sichtbarkeit der Welt. Damit konstituiert er erstmals die informationspraktische Totalität der Welt als Einwelt.

6. Demiurgisches Prinzip der Einwelt ist die Ueberflaeche: Ihr Schöpfungsraum ist unbegrenzt, azyklisch und selbstreferentiell.

7. Die Ueberflaeche verändert die Welt über die Veränderung der Be-Deutung der Welt. Im selben Schritt fordert und verwirklicht sie die Herrschaft des Symbolischen über das Materielle, der Abbildung über das Abgebildete.

8. Ueberflaeche verkehrt alle Bedeutungsvektoren, letztlich das Verhältnis von Bedeutendem und Bedeutetem: Aus der Abbildung wird Projektion.

9. Oberfläche ist Grenzfläche, Bildfläche hingegen Entgrenzungsfläche. Die Ueberflaeche schließlich macht Grenzüberschreitungen unmöglich, indem sie alle Darstellungsgrenzen auslöscht.

10. Oberfläche existiert einfach: sinnlich; Ueberflaeche hingegen doppelt: sinnabhängig und sinnbildend.

11. In der Ueberflaeche begegnen sich Blick und Code, verschmelzen und erzeugen eine neue Qualität von Wirklichkeit.

 

Michael Schetsche, Thomas Temme

1. August 2004 / 23. Juni 2005

 

Nachtrag: Einige Bemerkungen zu einer Theorie der Ueberflaeche wurden im Mai 2006 in der Zeitschrift Flusser Studies veröffentlicht.